Tag 7: 2802 m ü.M., Sonne, Gewitter und Dauerregen

Gepostet von am Jun 18, 2014 in Genf > Nizza 2014 | 1 Kommentar

Tag 7: 2802 m ü.M., Sonne, Gewitter und Dauerregen

Mit großem Respekt stehen wir früh morgens auf, packen die Taschen und gehen zum Frühstücken. Von der manchmal etwas spröden Chefin des Hauses erfahren wir dann doch in einem freundlichen Gespräch etwas

... unser großes Ziel auf knapp 3000m Höhe

… unser großes Ziel auf knapp 3000m Höhe

über die Geschichte des Hotels und warum direkt vor dem Eingang heute noch Zapfsäulen stehen und auch noch in Betrieb sind.

Früher war die Kombination Tankstelle/Hotel sehr üblich, was sich durch die Entwicklungen in der Welt der Mineralölkonzerne und der Tankstellen verändert hat. Für sie, die Dame des Hauses, ist es vor allem durch die spezielle Lage in diesem Tal immer noch o.k., Benzin und Diesel anzubieten. Schließlich kommt, egal welchen Paß man fährt, lange keine Tankmöglichkeit mehr (Col de Vars, Col de Larche, Col de la Bonette). Motorradfahrer, aber auch Autofahrer tanken und bleiben nicht selten auf einen Café au Lait oder ein Getränk im Gastraum oder am Tisch vor dem Haus.

Wir brechen um 8.15Uhr auf und gehen den 24 km langen Anstieg hinauf zum Cime de la Bonette an. Noch im Ort eine kleine Schrecksekunde, als es einen Chainsuck gibt, was aber schnell behoben ist. Schnell noch ‘was vom Bäcker mitgenommen und los …

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Anstieg zum Cîme de la Bonette – Hochgebirge pur

Es ist ein irres Gefühl, nach einer Woche durch die französischen Alpen nun den höchsten Punkt und gleichzeitig den letzten Pass anzusteuern. Der Wetterbericht ist kritisch, aber wir fahren wie alle Tage bei strahlendem Sonnenschein los. Schon in den ersten Kehren nach Jausiers ist es uns schon wieder fast zu warm. Der Sonnenschein bleibt bis in den späten Vormittag, dann ziehen Wolken auf, was die Kletterei mit Gepäck deutlich erleichtert. Wir haben noch ca. 400 Höhenmeter vor uns, als die Wolken über unserem Zielgebiet dunkler werden.

Bei 2100 m Höhe verlassen uns die Baumbestände und bei 2300 m stehen seitlich an der Straße wieder Schneewände. Die Landschaft wird karg, obwohl wir weit oben noch einmal durch zwei kleine Hochtäler fahren, die die Aussicht mit grünen Wiesen verschönern.

 

Die letzten Kilometer sind moderat, fast schon flach. Mit einem Hochgefühl im wahrsten Sinne des Wortes erreichen wir den ursprünglichen Pass, den Col de la Bonette. Damit die Franzosen den höchsten Pass Europas haben, wurde irgendwann um den angrenzenden Berg noch eine kleine Straße herumgebaut und damit man die 2802m auch wirklich knackt, wird halt die Steigung hinauf zum „Cime de la Bonette“ ein bißchen mehr. Das merken wir deutlich, wenn es auf ca. einen Kilometer noch ‘mal mit bis zu 14% bergauf geht …

... es ist nicht mehr weit bis zur Passhöhe, nur noch die Straße, Schnee und Geröll da oben

… es ist nicht mehr weit bis zur Passhöhe, nur noch die Straße, Schnee und Geröll da oben

Vorher aber stehen wir mit Verwunderung vor genau dieser Zusatzstraße, denn sie ist gesperrt und zugeschüttet. Die Unterhaltung mit zwei französischen Radfahrern eröffnet die Chance, auf der anderen Seite, die eigenlich herunterführt, hochzufahren – wir müssen an einer Stelle das Fahrrad ‘rüberschieben.

Kurz darauf, begleitet von noch einmal einigen Schweißperlen ist es geschafft!! Wir stehen alleine (denn Autos können grad nicht hier hoch, hihi) auf 2.802 Meter Höhe vor dem „Hinkelstein“, der einen Traum für viele Bergradler markiert – für uns mit Gepäck erst recht!!

 

Fast hätte wir nicht ganz hochfahren können. Die kleine Runde hinauf zum Cime war für Autos und Motorräder verschüttet

Fast hätte wir nicht ganz hochfahren können. Die kleine Runde hinauf zum Cime war für Autos und Motorräder verschüttet

Das Wetter hat gehalten, obwohl es um uns herum immer wieder gewittert. Nach den obligatorischen Fotos hauen wir uns noch eine Brotzeit rein, bevor es an die längste Abfahrt unseres Lebens geht: Unvorstellbare 110 km mit Gefälle liegen vor uns – für Radfahrer ein wahnsinniges Gefühl. Und ich kann euch sagen, 75 km lang geht es wirklich nennenswert bergab. Danach fahren wir auch noch abwärts, aber mit ganz leichtem Gefälle – wir müssen ja irgendwann bei 0 m am Meer ankommen …

 

Glücklicherweise können wir die ca. 25 km Abfahrt, die richtig steil ist, noch bei Trockenheit abfahren. Dann müssen wir das krasse Gegenteil der bisherigen Woche ertragen. Wir fahren 4 Stunden ununterbrochen durch Regen, anfangs Starkregen! Darum steuern wir in einer kleinen Ortschaft einen großen Unterstand einer alten Bahnhaltestelle an. Dort treffen wir diejenigen, die uns auf dem Bonette stundenlang begleitet und genervt haben: Einige Teilnehmer einer Rallye mit alten Sportwagen, vornehmlich aus der Schweiz, Italien und Luxemburg. Alte Alfas, Porsche und Cabrios und die waren nicht wasserdicht!

Wir fahren immer weiter durch’s Tinée-Tal leicht bergab. Ein wunderbares Tal mit steilen Felshängen – wäre da nur nicht das feuchte Wetter. Trotzdem eine sagenhafte Abfahrt.

Hinunter km-lang durchs Tal der Tinée

Hinunter km-lang durchs Tal der Tinée

 

Schon früh versuchen wir ein Hotelzimmer zu finden. In einer der wenigen Ortschaften am Weg finden wir ein „Hotel Restaurant“. Ich gehe rein. Man erklärt mir, das das schon lange kein Hotel mehr ist – es stünde nur noch außen dran … Einige Zeit später ein seeehr wenig einladendes Hotel für ganz wenig Geld: Complet! Na ja, ich wusste da nicht, ob ich mich freuen soll oder traurig sein.

Weiter durch den Regen beschließen wir irgendwann, doch noch bis Nizza zu fahren. Es wird zunehmend trocken und wir haben einen heftigen Rückenwind auf einer „piste cyclable“, einem extra abseits der Straße angelegten Radweg. Gegen 20:00 Uhr erreichen wir St.-Laurant-du-Var (Vorort von Nizza) und sind nach 135 km total platt.

Zimmersuche: In einer netten Auberge fragen wir nach einem Zimmer – leider geschlossene Gesellschaft, aber wir werden auf ein Glas Bowle eingeladen, während der Inhaber für uns ‘rumtelefoniert – einfach supernett! Man vermittelt uns einen echten Geheimtipp! Alles wird gut!

Mittags noch im kargen Hochgebirge und abends an der Côte d’Azur, wie toll! Nach einer Dusche geht’s an den Strand für das Beweisfoto!

Ein sagenhaftes Gefühl nach 135 km von 2802m runter auf 0m!!!! Einfach unglaublich!

Ein sagenhaftes Gefühl nach 135 km von 2802 m runter auf 0 m!!!! Einfach unglaublich!

1 Kommentar

  1. Der spannende Reisebericht wird von einem tollen Foto abgeschlossen -prima!
    Gruß von Bergstraße,
    Michael

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